Annabell trifft ihre geschiedene Jugendliebe Kerstin beim Einkaufen. Soll sie ihr mühsam geflicktes Herz erneut riskieren?
Annabell blickt erneut einem einsamen Silvesterabend entgegen. Seit Kerstin fand sie keine neue Liebe.
Völlig überraschend trifft sie Kerstin im Supermarkt. Einst unerreichbar und verheiratet steht Kerstin da und erzählt von ihrer Scheidung.
Annabells alte Gefühle flammen auf. Eine neue Hoffnung keimt in ihrem Herzen. Sie sucht nach dem Mut, das Risiko zu lieben erneut einzugehen.
Eine berührende, zarte, lesbische Kurzgeschichte an Silvester, in der zwei Frauen eine zweite Chance erhalten.


Leseprobe

Das letzte Kalenderblatt auf Annabells Jahresplaner war fast vollständig durchgestrichen. Noch zwei Tage bis Silvester.
Noch zwei Tage, die sie alleine verbringen musste, weil sie auch dieses Jahr keine Freundin gefunden hatte. Keine Partnerin, mit der sie ihr Leben teilen konnte, in die sie sich verlieben konnte.
Annabell sah die weißen Schneeflocken vor dem Fenster fallen. Die Welt war dick mit Schnee bedeckt und auf den Straßen fuhren die Autos langsam. Sie erkannte es daran, dass die dünnen Lichtkegel der Scheinwerfer sich langsam vorwärts bewegten.
Das war kein Wetter, in dem sie nach draußen gehen wollte. Schließlich war sie von der Arbeit zu Hause und hatte sich gemütliche Kleidung angezogen. Ein kuscheliger Pullover und eine bequeme Jeans.
Aber sie musste hinaus.
Alleine der Gedanke an ihren leeren Kühlschrank und ihren ebenso leeren Vorratsschrank erinnerte sie daran, dass sie seit Anfang des Monats, das Einkaufen vermieden hatte. Überhaupt hatte sie alles vermieden, was sie an Weihnachten erinnerte. An Weihnachten und an die Familie, die sie nicht hatte. Es reichte, dass sie den Kollegen und Kunden bei der Arbeit ständig frohe Weihnachten wünschte und sich deren Pläne und Erzählungen anhören musste.
Annabell wünschte sich eine Freundin. Eine Partnerin, mit der sie ihr Leben teilen konnte. Eine Frau, in die sie sich verlieben konnte.
So eine Frau zu finden, war schwierig.
Die meisten wollten lieber eine kurze, unverbindliche Affäre. Zumindest die Frauen, die sie im vergangenen Jahr auf diversen Dating-Plattformen kennengelernt hatte.
Im Radio verklang die Musik und der Nachrichtensprecher zählte die Staus und Verkehrsbehinderungen auf. Die Liste war endlos lang, dank des beständig fallenden Schnees. Dann folgten die Nachrichten, inklusive der Hinweise und Gesetze zum Zünden von Feuerwerk.
Nicht, dass Annabell sich dafür interessiert hätte. Schließlich machte das Zünden von Feuerwerk alleine keine Freude.
Der Wetterbericht wusste, dass es bis ins Neue Jahr hinein schneien sollte. Nicht das beste Wetter für ihre Baustellen. Immerhin hatte sie die nächsten Tage Urlaub. Genau wie die Bauarbeiter. Um das Wetter musste sie sich erst im neuen Jahr sorgen.
Ob sie sich kurzfristig eine Reise in den Süden buchen sollte?
Immerhin wäre sie dort nicht alleine, sondern würde andere Menschen im Hotelrestaurant, am Frühstücksbuffet und am Pool treffen.
Annabell schüttelte sich bei den Gedanken an die Hitze, die Partymusik und die Animatoren. Sie mochte den Schnee. Vielleicht war es eine bessere Idee, wenn sie sich ihren alten Schlitten aus dem Keller holte und rodeln ging. Sie würde sich mit den Kindern auf dem Schlittenhügel vertragen.
Lächelnd schaute sie den Schneeflocken vor dem Fenster beim Fallen zu und dachte daran, wie sie früher, mit ihrer besten Freundin Kerstin, um die Wette den Hang hinuntergesaust war. Leider war Kerstin inzwischen verheiratet und weggezogen. Kerstin, die ihre geheime Liebe war.
Langsam wurde das Grau vor dem Fenster fahler und dunkler. Nur die Schneeflocken in den Scheinwerferlichtkegeln der Autos und unter den jetzt leuchtenden Straßenlaternen blieben weiß. Obwohl es erst Nachmittag war, wurde es dunkel. Der Radiomoderator zählte die beliebtesten Silvestermenüs auf: »Raclette, Buffet, Käsefondue, …«
Annabell schaltete das Radio ab. Silvester war fast so schlimm wie Weihnachten.
Dann hielt sie inne. Die Liste weckte eine Erinnerung an Nachmittage mit Kerstin, Früchten und Schokoladenfondue.
Wenn sie sowieso einkaufen gehen musste, dann könnte sie sich auch verwöhnen. Mit einem Schokoladenfondue, wie sie es als junges Mädchen gemacht hatte. Immer dann, wenn sie bei Kerstin übernachten durfte.
Annabell steckte ihren Geldbeutel ein, zog sich ihre warmen Stiefel und ihren dunkelroten Wintermantel an und verließ die Wohnung. Ihr Rucksack wippte leer auf ihrem Rücken, als sie die Treppe des Mehrfamilienhauses hinunterging.
Draußen zog sie die warme Mütze ihres dunkelroten Wintermantels tief ins Gesicht. Die Schneeflocken waren kälter, als sie gedacht hatte.
So schnell es die dicke Schneeschicht zuließ, stapfte sie den, wieder dick zugeschneiten, Gehweg hinunter, die Hauptstraße entlang und ins Industriegebiet, in dem der Supermarkt stand. Der gesamte Parkplatz stand voller Autos.
Annabell stöhnte beim Gedanken an die lange Warteschlange vor den Kassen. Da musste sie jetzt durch. Am besten kaufte sie gleich genug ein, damit sie mindestens eine Woche lang nicht einkaufen gehen musste.
Wo der Fußweg verschneit gewesen war, war der Parkplatz matschig und rutschig. Der Fußboden des Supermarktes war nass und viel rutschiger. Dazu kam das Klackern der Einkaufswagenräder, das Rufen der Menschen, die sich über die Gänge hinweg Anweisungen zubrüllten und das Quengeln kleiner Kinder, die müde waren und irgendwelche Süßigkeiten wollten.
In der Abteilung für Obst und Gemüse war es minimal ruhiger.
Annabell atmete tief ein. Dann betrachtete sie die Auslage. Vor den dunkelgrünen Brokkoli-Köpfen stand eine schlanke Frau mit roten Locken und betrachtete die verschiedenen Brokkolis.
Es war das gleiche Rot, wie bei Kerstin.
Annabell schallte sich selbst. Sie sollte aufhören, an ihre Jugendfreundin zu denken. Kerstin hatte sich für einen Mann entschieden, nicht für sie. Außerdem wohnte sie seit Jahren nicht mehr hier. Wann hatte sie das letzte Mal von ihr gehört? War es wirklich fünf Jahre her?
Annabell ging zu den grünen Brokkolis hinüber und hob einen davon hoch. Er war dunkelgrün und der Stiel war fest und knackig. Den würde sie mitnehmen und sich eine Brokkolisuppe daraus kochen.
Nach dem Ende ihres Studiums hatten sich ihre Wege getrennt, erinnerte sie sich. Das war im Frühling vor fünf Jahren gewesen. Seitdem arbeitete sie selbst bei einem Bauunternehmen in der Projektleitung. Zusammen mit vielen Männern. Keiner faszinierte sie so wie eine liebreizende Frau.
Wenn sie ehrlich mit sich war, war das der Grund, warum sie noch alleine war. Keine Frau reichte an Kerstin heran.
Annabell sah sich nach einem Einkaufskorb um. Sie hatte am Eingang des Supermarktes keinen mitgenommen. Aber aus der Erfahrung wusste sie, dass es in der Obst- und Gemüseabteilung noch einen Stapel Einkaufskörbe gab. Sie sah vorbei an den anderen Menschen in der Abteilung und sah sich suchend um.
Die Frau neben ihr drehte sich um. Der dick gefütterte Stoff des Mantels raschelte.
Annabell drehte den Kopf und schaute hinüber.
Ihr blieb der Mund offen stehen vor Überraschung. Die Frau hatte die gleichen roten Locken, wie Kerstin, sondern sah, wie ihre alte Freundin, aus.
»Kerstin?«
Annabell rieb sich mit ihrer freien Hand die Augen.
Ganz sicher träumte sie. Auch, wenn es schwierig war, die strahlenden, blauen Augen und das Grübchen auf Kerstins Wange in ein Gesicht hineinzudenken.
Ihr Herz pochte schneller.
Beinahe ließ sie den Brokkoli fallen.
Hastig griff Annabell mit ihrer freien Hand danach und hielt ihn jetzt mit beiden Händen fest.
»Annabell?«, fragte die Frau, die aussah, wie Kerstin. »Du wohnst noch hier?«
Annabell nickte.
Sie hatte sich nicht getäuscht.
Kerstin stand vor ihr.
Ein paar Fältchen in den Augenwinkeln und ein großes, fröhliches Lächeln auf den Lippen. Lippen, die so voll und einladend aussahen, wie beim letzten Mal, als Annabell sie gesehen hatte.
Hastig befeuchtete sie ihre eigenen, trockenen Lippen mit ihrer Zungenspitze und sah sich um. Wo war Kerstins Mann? Der stand sicher in der Nähe! Auf keinen Fall würde sie sich blamieren und irgendwelchen Blödsinn in der Öffentlichkeit reden!
Annabell nickte.
Das erschien ihr sicherer, als etwas zu sagen.
Sie spürte, wie ihre Hände heiß wurden und der Stiel des Brokkolis rutschig.
»Du siehst fantastisch aus«, sagte Kerstin, streckte eine Hand aus und strich mit warmen, weichen Fingerspitzen, eine braune Locke hinter Annabells Ohr zurück.
Annabell schluckte trocken.
Nicht in die Berührung hinein lehnen und auf keinen Fall zu viel hineininterpretieren, ermahnte sie sich.
»Danke«, murmelte Annabell und schaute hastig zur Seite.
Da, neben den Bananen, stand der Stapel mit Einkaufskörben.
»Ich, äh, brauche einen Einkaufskorb«, sagte Annabell, drehte sich um und ging, vorsichtig auf dem rutschigen Fliesenboden, hinüber.
Hinter sich hörte sie schlurpende Schritte.
Ein Blick über ihre Schulter bestätigte ihr Bauchgefühl: Kerstin ging ihr nach.
»Hast du heute etwas vor?«, fragte Kerstin. »Wir könnten eine Tasse Tee trinken und plaudern.«
Annabell schüttelte den Kopf und nickte gleichzeitig.
Kerstin lachte hell und herzlich.
Wie hatte sie dieses Lachen vermisst!
»Du hast dich kein bisschen verändert. Also Tee trinken. Bei dir oder bei mir?«
»Wohnst du denn wieder hier?«, fragte Annabell, hob einen Korb vom Stapel und legte ihren Brokkoli hinein. Vom Stapel Bananen nahm sie einen Bund und legte ihn dazu.
»Heute kann ich nur ein Hotelzimmer anbieten«, sagte Kerstin, die ihren Brokkoli in der Hand hielt.
Annabell starrte ihre Jugendfreundin an. Hotelzimmer? Hatte sie nicht mehr bei ihren Eltern übernachten wollen? Die wohnten in der Stadt, das wusste sie, weil sie die beiden hin und wieder beim Einkaufen traf. Dann nickten sie sich gegenseitig höflich zu und gingen weiter ihrer Wege.
»Was ist mit deinem Mann? Wartet er nicht auf dich?«, fragte Annabell. Auf keinen Fall wollte sie die Dritte beim Tee trinken sein, die nicht dazugehörte.
Langsam ging sie durch die Abteilung, damit sie kein Wort von Kerstin verpasste. Derweil legte sie Zwiebel, Orangen, Äpfel und einen Spitzkohl in ihren Korb.
»Geschieden«, sagte Kerstin. »Schon letztes Jahr.«
Sie ließ die Schultern hängen und sah geknickt aus.
Das erklärte das Hotelzimmer.

Ende der Leseprobe „Fondue zum Verlieben“


Die Kurzgeschichte »Fondue zum Verlieben« findest du bei allen üblichen Online Händlern als eBook. An vielen Stellen wirst du auch die Taschenbuchausgabe finden.
Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen.
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